Terrorjagd & die Mafia

"Haben Sie Angst vor dem Unbekannten, der in der Dunkelheit auf Sie lauert?" fragte die FAZ Roberto Saviono, den Autor des Mafiabuches "Gomorrha":

"Im Gegenteil. Ich freue mich, von den Mafiabossen zu hören. Sie schreiben mir Postkarten mit Drohungen und Beschimpfungen. Wenn ich in Italien öffentliche auftrete, sehe ich immer viele Mitglieder der Camorra im Publikum. Und Camorra-Anwälte, die herausfinden wollen, was eigentlich los ist, was passiert ist, warum sie die Wahrheit über ihre Klienten nicht mehr unter dem Deckel halten können.

Hat sich die Mafia verbürgerlicht?

Absolut. Viele jüngere Bosse der Camorra sind Söhne von Unternehmern. Sie haben den Weg des organisierten Verbrechens gewählt, weil es der Weg des erfolgreichen Unternehmertums ist. Ob sie mit Kokain handeln oder Baustoffen, ist ihnen egal. Nur auf der niedrigsten Befehlsebene, bei den Killern, Geldeintreibern, Handlangern, besteht das Personal noch aus kleinen Leuten." (FAZ, 14.9. 2007)

Es wäre interessant zu untersuchen, inwieweit diese Entwicklung von der zunehmenden Bürokratisierung und politischen Einflußnahme auf die Wirtschaft angetrieben wird. Auf jeden Fall, so Saviono, unterstützt der "Kampf gegen den Terror" die Camorra. Nach Duisburg fragten die Camorra gleich bei den Bossen der 'Ndrangheta von San Luca nach, warum diese Dummheit passiert war, ihr Interesse daran erklärt sich mit dem Hinweis, 'das ist unser Territorium, terra nostra!'. Deutschland wurde in den letzten Jahren zu einer sicheren Basis für die Camorra. Die Behörden lassen sie links liegen und konzentrieren sich auf Terrorabwehr, Bürgerüberwachung und islamistische Extremisten.

Angefangen hat es im großen Stil mit dem Fall der Mauer. Im Osten konnte jeder eine Firma gründen - endlich Investoren!, worauf sich jeder Lokalpolitiker stolz in die Brust warf... Wie hieß das noch? Aufschwung Ost. Den betrieben viele Neapolitaner: "die erste italienische Baufirma in der DDR war die Alba Nova s.r.l., ein Unternehmen der Camorra", so Saviono." Aber auch schon in der DDR gab es diese connections. Ostdeutschland war der Brückenkopf nach Osteuropa. Eine der wichtigsten Aktionen gegen die Mafia in Italien führte schließlich nach Chemnitz. Die Zielperson hatte dort ein Kleidergeschäft.

Und wie ist die Lage heute?

Nach Savionos Recherche ist Good old Germany nach Spanien das zweitwichtigste Einfuhrland für Koks. Es wird in Rostock, eingeschweißt in Schiffswände, angelandet und wird rausgeholt, indem die Wände aufgeschweißt werden, was verständlicherweise nicht zu den Routinen des Zolls gehört.

Wenn es so weitergeht, wer weiß ... irgendwann ist Deutschland auch Import-Weltmeister. :)

Das Buch Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra erschien jetzt im Hanser Verlag.